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Von Panz’naff bis Krippenkunst, von Liebesgaben bis Mausefallen – ein Besuch im Fasnachts- und Heimatmuseum in Telfs

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Sommerliche Urlaubstage in Tirol werden gerne naturverbunden in der frischen Luft auf einer Alm oder an einem See verbracht, ganz klar. Falls aber einmal das Wetter nicht so mitspielt bei den Outdoor-Aktivitäten oder falls einen die Lust überkommt, Land und Leute näher kennenzulernen und die regionale Entwicklung auch im geschichtlichen Zusammenhang zu betrachten, ist das »Noaflhaus« in Telfs eine gute Adresse. Das Fasnachts- und Heimatmuseum am Untermarkt präsentiert einige Eigenheiten, die es zu entdecken gilt. Beim Rundgang mit Museumsleiterin Mag. Anne Potocnik-Paulitsch eröffnen sich Einblicke in die früheste und frühere Geschichte von Telfs und Umgebung und Besonderheiten, die es nur hier gibt.

Gleich zu Beginn der Ausstellung im 1. Stock springt einem die Figur eines affenähnlichen Menschens mit rotem Gewand und Fez (auch: Fes) am Kopf ins Auge, die in einem Fass sitzt und mit Tschinellen schlägt. „Die ganze Etage ist der örtlichen Fasnacht, dem Telfer »Schleicherlaufen« gewidmet, die zu den großen Fasnachten in Tirol gehört und alle fünf Jahre stattfindet. Eine der schillerndsten Figuren dabei, die es auch nur in Telfs gibt, ist der »Panz´naff«. Er führt bei der Fasnacht den Zug der »Wilden« an, die ganz in Baumbart gehüllt mit großen Stöcken einherschreiten. Die Aufgabe des Panz’naff ist es, dem Publikum zur Verulkung möglichst weit seine (rotgefärbte) Zunge herauszustrecken,“ erklärt Anne Potocnik-Paulitsch. „Dabei war einerseits für die Zuschauer in früherer Zeit das Exotische dabei das Interessante (es gibt auch eine eigene Fasnachtsgruppe »Bären und Exoten«) und andererseits die Tatsache, die noch heute erstaunliche Auswüchse hat – damit der Panz’naff nämlich seine Zunge möglichst weit herausstrecken konnte war es üblich, dass er sich die Vorderzähne des Unterkiefers ziehen ließ, nachdem es einen grundsätzlichen »Weit-Zunge-heraus-strecken«-Wettkampf bei mehreren Bewerbern gab. Als Beweis wurden die herausgerissenen Zähne in einer Silberkette gefasst, die der Obmann der Wilden um den Hals trägt. Der derzeit amtierende Panz’naff trägt allerdings eine Zahnprothese und ist somit vom Zähneziehen sicher…“ lacht Anne Potocnik-Paulitsch.

(Anm.: das nächste Telfer Schleicherlaufen findet im am 2.2. 2020 statt, Informationen unter www.schleicherlaufen.at)

Im 2. Stock werden die Arbeitswelten in und um Telfs damals und heute beleuchtet. Exponate aus dem landwirtschaftlichen, handwerklichen und industriellen Arbeitsumfeld werden präsentiert. Anne Potocnik-Paulitsch zeigt eine fünffache Mausefalle: „Wenn das Korn durch Mäusekot unbrauchbar wurde, war das ein Verdienstausfall für die Bauern, deshalb wurde den Körnerfressern mit vielerlei Gerätschaften zu Leibe gerückt. Hier eine Mausefalle aus Holz, in der fünf Mäuse gefangen werden konnten. Dabei wurde ein Holzklotz eingespannt, der dann, wenn die Maus den Köder (Speck, Käse oder Körner) holen wollte, herunterfiel und die Maus betäubte. Anschließend wurde das ganze Gestell unter Wasser gedrückt, um den Mäusen den Garaus zu machen.“

Eine Besonderheit stellt der Aufstieg und Niedergang der Textilindustrie in Telfs dar, über viele Jahrzehnte und auch Jahrhunderte ein großer Wirtschaftszweig, die Produktionsfirmen waren die wichtigsten Arbeitgeber der Region. „Hier ein berührendes Ausstellungsstück, das zwar nur ein kleiner Zettel ist, aber viel aussagt: eine Lohnauflistung aus dem Jahr 1869, der die Kinderarbeit von damals dokumentiert. Die Familien waren so arm, dass auch die Kinder ihren Anteil an dem Familieneinkommen einbringen mussten. Knaben verdienten am Tag für ihre Arbeit 30 Kreuzer, Mädchen 28 Kreuzer. Über diese (fast) gleichberechtigte Bezahlung würden sich heute die Frauen freuen … Aber damit kann auch der Bogen gespannt werden zu den heutigen Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie in Indien oder Bangladesch, wo immer noch Kinder ausgebeutet werden.“

Auch die Krippenabteilung des Fasnachts- und Heimatmuseum Noaflhaus ist einen Besuch wert: die Darstellung von Christi Geburt wird in verschiedenen künstlerischen Ausführungen verschiedene Epochen präsentiert, die Figuren von Johann Benedikt Probst (18.-19. Jhdt.) zeigen auch eine Jahreskrippe, wo viele biblische Geschichten dargestellt sind. Zum Beispiel die wundersame Brotvermehrung am See Genezareth oder die Vertreibung aus dem Tempel (»Tempelreinigung«).

Eine Liebesgabe eines Italieners an seine Geliebte verdient ebenfalls einen zweiten Blick: eine kunstvoll mit Herzen und Granatäpfel verzierte geschnitzte Holzkiste, in der die Lieblingsgegenstände verwahrt werden konnten, sicher geschützt mit einem Fixierschloss. „Die Granatäpfel werden dabei aufgeschnitten dargestellt, die Samen sind sichtbar, die in der Volkskunst auch ein Symbol für den männlichen Samen waren. Dabei muss man sich überlegen, wie viel Liebe und Leidenschaft auf die Produktion dieser Liebesgabe verwendet wurde und wie schnelllebig  man heute vielleicht etwas verschenkt.“

Archäologische Keramik- und Bronzefunde aus der Urnenfelderkultur, der Eisen- sowie der Römerzeit werden in einem eigenen Schauraum gezeigt, mit dabei auch eine ausgestellte Körperbestattung mit Waffenbeigaben aus einem frühmittelalterlichen Reihengräberfeld.

Die Galerie beherbergt Gemälde, Plastiken und Erinnerungsstücke bildender Künstler und anderer Persönlichkeiten, die entweder aus Telfs stammen oder in Telfs lebten vom 18. Jahrhundert bis heute, z.B. Werke von Andreas Einberger.

Außerdem wird die Schausammlung durch eine umfangreiche Studiensammlung von Schmetterlingen und Mineralien ergänzt, die größtenteils auf Pater Vinzenz Maria Gredler (1823-1912) zurückzuführen sind, der für Biologen weltweit noch immer richtungsweisend für die Insektenkunde ist.

Grundsätzliches: Das Fasnachts- und Heimatmuseum Noaflhaus wurde in dieser Form im Jahre 2000 eröffnet, mit der Fasnacht im Jahr 2000 wurde auch der eigene Fasnachtsteil eröffnet. Federführend war dabei der Heimatbund Hörtenberg, der 1953 gegründet wurde und ab 1966 ein kleineres Museum installierte. Mit den vielen Exponaten (insgesamt sind es mehr als 3.000, viele sind nicht ausgestellt, sondern im Keller gelagert) wird auch immer wieder eine Sonderausstellung von Historikerin und Volkskundlerin Anne Potocnik-Paulitsch im 3. Stock des Noaflhauses kuratiert, 2016 etwa rund um das Thema »Hochzeit«.

Das Noaflhaus ist ganzährig geöffnet, Montag bis Freitag 10-12 Uhr, in den Sommerferien (Juli-August) auch nachmittags von 15-17 Uhr, Eintritt: freiwillige Spenden. Mit dem Tourismusverband wird auch jeden Montag eine Führung angeboten, näheres erfährt man beim Tourismusverband, individuelle Führungen sind auf Vormeldung auch außerhalb der Öffnungszeiten möglich.

Tel.: +43 (0)5262-62709-20, E-Mail: noaflhaus@telfs.gv.at, www.telfs.com/noafl

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