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Wenn der Höllenschlund sich öffnet… ist Vorweihnachtszeit in Tirol!

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Wunderbar schaurige und unfassbar grausliche Gestalten treiben Ende November und Anfang Dezember in den Tiroler Tälern und Dörfern ihr Unwesen – die »Tuifl«, mancherorts auch »Krampusse« oder »Perchten« genannt, laufen mit hässlicher Fratze, gehörnt und fellbedeckt durch die Straßen und verbreiten mit lautem Gebrüll und Glockengebimmel Angst und Schrecken.

Das Tiroler Brauchtum, bei dem junge Männer sich mit Fell, Holzmaske und großen Glocken oder Schellen ausstaffieren und dabei bis zu 20 oder 30 kg »aufladen«, gibt es einigen Quellen zufolge seit dem 16. Jahrhundert, als man damit begann, dass der heilige Nikolaus die braven Kinder beschenkte und die unartigen dagegen vom Krampus mit der Rute bestraft wurden.

Auf www.sagen.at findet sich folgende Erklärung: »Der Advent ist in Tirol gar nicht so sehr die Zeit der Stille und Besinnung. Sie ist vielmehr erfüllt vom Lärmen und Toben der „Perchten“ und ähnlicher wilder Gestalten. Heidnischer Dämonen- und Zauberglaube sprach ihnen die Kraft zu, durch das Läuten von Glocken und Schellen und das Tragen grässlicher Fratzen die bösen Geister des Winters zu bannen. Andere Merkmale von Perchtenumzügen – z. B. das Schlagen mit Ruten – haben mit altem Fruchtbarkeitszauber zu tun. (…)Am berühmtesten ist das „Klaubauf“-Laufen in Matrei in Osttirol. Die Kunst des Maskenschnitzens ist dort bis heute lebendig und verleiht den „Kleibeifen“ – so lautet auf matreierisch die Mehrzahl von Klaubauf von Generation zu Generation ein etwas anderes Aussehen.“

Die gelebte Tradition hat sich aber in den letzten Jahrzehnten gewandelt: War es noch vor 20, 30 Jahren üblich, dass man sich in den Tagen vor dem Nikolausabend (5. Dezember) bei einem abendlichen Spaziergang durch den Ort nicht sicher sein konnte, von einem Krampus oder Tuifl erwischt zu werden und ein paar Schläge zu kassieren und die Kinder das »Tuifltratzen« als Mutprobe betrieben (Anm. dabei schleicht man den finsteren Gestalten nach und muss möglichst »unbeschadet« wieder nach Hause zurückkehren.), finden seit einigen Jahren vermehrt Krampusumzüge oder Tuifllaufen statt, wo dem Publikum eine Show geboten wird.

In Mieming etwa wird Ende November einiges geboten: Nachdem der Nikolaus und seine Engelen eine Runde gedreht und kleine Geschenke an die Kinder vergeben haben, strömen alljährlich mehrere Dutzend Tuifl aus dem »Höllentor«, das am Sportplatz Obermieming aufgebaut ist. Unter martialischer Musik laufen sie im roten Feuerschein (von Feuerstellen und Feuerschluckern) an den hinter Absperrungen sicher verwahrten ZuseherInnen vorbei. Eine eigene Choreographie, die auch im Vorfeld geprobt wird, kommt hier zum Einsatz: meist wird eine Gruppe von Tuifl von einer anderen Gruppe Tuifl angegriffen, bis am Ende der Obertuifl erscheint und den Kampf beendet. Am Schluss des (für die Tuifl) durchaus schweißtreibenden Schaukampfes werden die Masken abgesetzt und bei einer letzten Runde am Publikum vorbei kann man dann die Gesichter hinter den erschreckenden Fratzen sehen.

Noch eine Neuerung gibt es bei den Tuifl zu früheren Zeiten: waren die wilden Gesellen früher nur im eigenen Dorf unterwegs, »besucht« man jetzt auch andere Orte und nimmt gemeinsam an Umzügen teil oder zeigt bei touristischen Auftritten sein Brauchtum.

Eine ganz spezielle Prägung des Brauchtums gibt es in Rietz – dort hat sich vor vielen Jahren eine Gruppe junger Männer zusammengetan, die ein völlig anderes Aussehen haben: sie schmieren ihre nackten Oberkörper und ihr Gesicht mit einer Ruß-Öl-Mischung ein, tragen auf dem Kopf eine schwarze Fellmütze mit zwei Hörnern und komplettieren ihr Tuifl-Outfit mit einer rotglänzenden Hose und Ruten. Die Tuifl müssen jeweils ab 17 Jahre, unverheiratet und kinderlos sein. Sie ziehen dann am 5. Dezember mit dem Nikolaus von Haus zu Haus und hinterlassen natürlich gerne rußige Spuren …

Eigener Brauchtum in Rietz

Eigener Brauchtum in Rietz

Im Vorfeld der Tuiflshow steht bei allen Tuiflvereinen viel Arbeit am Programm: Das Material für die Ruten wird gesammelt, gemeinsam werden die Ruten gebunden und von den fleißigen Damen im Hintergrund mit Maschen verschönert (die Ruten werden bei den Veranstaltungen auch teilweise als »Souvenir« verkauft, um die Vereinskasse aufzubessern). Und wer eine Tuiflmaske braucht, muss mit den Vorbereitungen noch viel früher anfangen, denn die fachkundigen Holzschnitzer sind rar und gut gebucht. Vor dem »Lostuifln« muss dann die ganze Ausrüstung perfekt aufeinander abgestimmt werden: Maske, Fellanzug und Kuhglocken liegen bereit, manche tragen auch einen Dreizack mit sich, der bei der Show effektvoll entzündet wird.

von

Journalistin, früher ORF, seit ein paar Jahren im Redaktionsteam von "Mein Monat" und seit 2011 gerne gelegentlich für "Mieming-Online" und seit März 2015 auch für "blog-kaysers.at".

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